Nerve - Anonymous und das Internet lassen grüssen (Achtung, hier wird etwas gespoilert, geht aber nicht anders)

Heute beginne ich mit meiner Rezension nicht mit dem Film selbst, sondern bereits mit dem Besuch der Kinovorstellung, um meine Bewertung zu diesem Film besser zu verstehen, auch wenn vielleicht nicht jeder diesen Eindruck miterleben wird. Als ich den Kinosaal betrat und meinen Blick über die Zuschauer schweifen liess, wurde ich den Eindruck nicht los: Aha, heute haben viele 14 und 15 jährige Girls ihren älteren Boyfriend ins Kino gezerrt, nach dem Motto, Schatz heute suchen ich den Film aus. Daher hatte ich mich bereits schon seelisch darauf vorbereitet, dass heute die weibliche Reinkarnation von Robert Pattinson im Körper von Dave Franco stattfinden wird.

Wenn man die schon sehr charismatische schauspielerische Leistung von Emma Roberts und Dave Franco betrachtet und auch die Grundhandlung dieses Films auf sich einwirken lässt, dann hat das Ganze schon etwas vom Grundkonzept von Twighlight. Junges schüchternes Girl, auf der Suche nach einem geheimnisvollen und charismatischen Boy, um dann eine Romeo und Julia Handlung im Girl-Teen-Filmfassung-Mantel auf die Leinwand zu zaubern.

Da der Film sich rund um das Internet beschäftigt, fängt auch genau so der Film an. Wie bereits schon in anderen Filmen ziemlich schlecht produziert, besteht für die ersten Minuten die Filmleinwand mal wieder aus dem Computerscreen der Benutzeroberfläche von Facebook und Skype und man dachte nur, Bitte nicht schon wieder. Hier machte der Film es aber etwas spannender, die Kamera wechselt auch hinter den Bildschirm des Notebooks, so dass man nicht nur den Screen sieht, sondern auch das, was vor dem Bildschirm geschieht. Persönlich mochte ich diese Idee, denn dadurch wurden diese ersten Szenen nicht langweilig und es entstand auch eine gewisse interessante Atmosphäre.

Nachdem diese ersten Szenen beendet waren und nun das Onlinespiel 

Nerve in die Handlung eingreift beginnt die Online Fassung der Handlung des Filmes 13 sins. Im Gegensatz von 13 Sins findet dieses Spiel im Internet statt und der Teilnehmer hat die Wahl, sich zu entscheiden. Bin ich Watcher oder Player? Da sich Vee als die graue Maus fühlt, die nur von den netten Boys träumen darf, während ihre Freundinnen die tollen Typen abbekommen und mit diesen spielen dürfen, entscheidet sich Vee natürlich für die Rolle des Players. Kaum für die Rolle Player entschieden, tritt auch schon der Dreamboy in ihr graues Leben. Genau an diesem Punkt war die grösste Stimmung im Kinosaal und ich habe nur noch darauf gewartet, das das erste Girl ihrem Boyfriend zuflüstert, mein Gott ist der suess. Zu diesem Zeitpunkt war diese Grundidee der Teenie-Lovestory der Marke Twighlight im ganzen Kinosaal zu spüren.

Dieser Mittelteil war aber zu meiner Ueberraschung sogar ziemlich gut. Verpackt in tollen Bildern wird temporeich ein Spannungsbogen aufgebaut, der sogar unterhaltssame Elemente gut in die Handlung integriert. Mit jeder Mutprobe wird der Film spannender und ich dachte bereits schon, mich in einem sehr intelligent gemachten Thriller zu befinden. Im Mittelteil hätte ich fast sogar 4 bis 5 Sterne geben können, denn Emma Roberts und Dave Franco spielen ihre Rollen sehr gut und glaubwürdig und der Film verspricht mit jeder Minute ein spannendes und überraschendes Finale.

 

Wo wir dann leider beim Finale des Filmes sind. Bereits schon nach zwei Dritteln erscheint der moralische und gesellschaftskritische Finger Ariel Schulman und Henry Joost auf, der zu Beginn noch in Ordnung war. Leider wird dieser moralische Finger immer offensichtlicher und sogar ziemlich penetrant, bis sogar dieser gesellschaftskritische Finger die komplette Handlung übernimmt und im Finale zum grossen und leider lächerlichen Ausbruch kommt.

Im Finale verliert der Film komplett jegliche Spannung und auch die Erwartungshaltung manches weiblichen Kinozuschauern nach Twighlight-Robert-Pattenson-Love-Story. Die Regisseure suhlen sich nur noch in einem gesellschaftskritischen Moralpotpourri und hinterliessen am Ende ein teilweise total verstörtes Kinopublikum. Da wird ein pseudo Moralfinale über die Personen von Anonymous und deren Handlungen im Internet gestrickt, in einer Welt des unheimlichen Darknet, das einem sich die Haare sträuben. Auf der anderen Seite wird der heutigen Jugend der pseudo Moralfinger gezeigt, über das böse Internet und deren Hauptplayer (wie lächerlich bitte war denn der Abspann, in welcher auf den Oberflächen von Soundcloud, Twitter, Facebook, YouTube, Google, etc die Darsteller und die Namen aller filmischen Beteiligten aufgelistet wurden).

 

Anstatt ein intelligentes und spannendes Ende für den Film zu entwickeln (wahrscheinlich liess die Buchvorlage das nicht zu), ergötzt sich der Film nur noch in gesellschaftskritischen und moralischen Aussagen, um krampfhaft der heutigen Jugend eine Message mit auf den zukünftigen Lebensweg zu geben (man musste nach dem Trailer und der Aufmachung des Filmes davon ausgehen, dass der Hauptteil des Publikums sich zwischen 14 und 18 Jahren befinden). Besonders der letzte Auftritt von Vee wirkt eher wie eine lächerliche Regierungserklärung des Filmes an den jugendlichen Zuschauer und nicht mehr als Bestandteil des Filmes. Die Regisseure treiben es sogar so auf die Spitze, dass die Hauptrollen unserer beiden Online Romeo und Julia Figuren komplett ins Hintertreffen geraden und im letzten Bild sogar komplett belanglos werden. 

 

Fazit:

Ein angedachter Romeo und Julia Lovestory Film entpuppt sich zum Schluss zu einem gesellschaftskritischen Moralfinger Exzess. Das tat dem gut und temporeich aufgemachten Film nicht gut. Trotz des katastrophalen Endes gebe ich dem Film noch 3 Punkte, da der Mittelteil und die schauspielerischen Leistungen sehr gut gemacht waren. Schade, schade, schade,...... Mit diesen Schauspielern und der Grundidee hätte es echt ein überraschend guter Film werden können. Im Endeffekt kann ich sagen, ich habe ihn gesehen und muss ihn aber nicht nochmal sehen.

 

Kleiner Nachtrag: Was sollte denn bitte die etwas amateurhafte Ausgestaltung des Nerve-Videos sein. Dieses etwas Anarcho-Rebellen-Flair mit der Qualität eines Videos, was in irgendeiner dunklen Garage produziert wurde, soll doch nicht etwa die Gefährlichkeit von Anonymous darstellen. Will der Film die Message rüber bringen, dass diese Personen irgendwelche Anarcho-Rebellen sind, die in irgendwelchen dunklen Kellern durch das Darknet surfen, um die heutige Jugend und Menschheit über das Internet zerstören zu wollen, um sich selbst zu unterhalten. Das fand ich nun besonders störend und verstärkt nur den Eindruck, ein Moralapostel Film gesehen zu haben.

Bilder zum Film sind von der Internetseite:

http://www.kino-teatr.ru/kino/movie/hollywood/121399/foto/680566/#foto

genommen.

 

Trailer zum Film

                 Viel Spaß!

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Comments: 5
  • #1

    Lana_SHON (Tuesday, 13 September 2016 22:42)

    Ich habe mir auch den Film "Nerve" im Kino angeschaut. Und finde die Rezension von Karsten Lemke sehr gut kontizipiert und relevant verfasst. Ein besonders guter Beitrag! Danke!

  • #2

    Torsten (Thursday, 15 September 2016 15:59)

    Eine tolle Rezension!

  • #3

    testandtry (Thursday, 15 September 2016 19:24)

    Tolle Empfehlung. Ich war schon lange nicht mehr im Kino. LG

  • #4

    Barbara (Saturday, 17 September 2016 12:22)

    Tolle Rezension. Genau der richtige Film um mit meinen Freundinnen mal wieder einen Movie Abend zu machen

  • #5

    Christine (Sunday, 18 September 2016 17:37)

    Das ist eine schöne Rezension. Bin mal gespannt, wie ich den Film findenicht werde.